Circular Talk mit Eva de Laat, Gründerin von Studio Eva & Materialliance
«Wir brauchen nicht mehr Design; wir brauchen besseres Design.»
Ihren verschiedenen beruflichen Stationen in Europa und China verdankt Eva de Laat eine vielschichtige Perspektive auf textile Innovation. Als Gründerin von Studio Eva und Materialliance entwickelt die niederländische Textilexpertin menschenzentrierte Strickwaren, bei denen Kreislaufwirtschaft, Langlebigkeit und Tragekomfort im Fokus stehen – und schafft damit skalierbare Lösungen für Marken und Hersteller.
CLIMATEX: Eva, du führst seit vielen Jahren dein eigenes Unternehmen Studio Eva und hast längere Zeit in China gelebt, bevor du 2019 nach Amsterdam zurückgekehrt bist. Erzählst du uns, was dich aktuell beschäftigst und welche Rolle du in der stark fragmentierten Textilindustrie einnimmst?
Eva de Laat: Ich bin unsprünglich nach China gegangen, um Produktionsprozesse von Grund auf zu verstehen. Ich wollte direkt an den Maschinen arbeiten und nachvollziehen, wie Design und Produktion ineinandergreifen. Auch heute reise ich noch regelmässig zwischen Holland und China hin und her. Die Arbeit in einem industriellen Umfeld erfordert diese Nähe zur Produktion.
Während meiner Zeit dort habe ich für Fast-Fashion-Unternehmen gearbeitet – eine Erfahrung, die mir deutlich vor Augen geführt hat, wie umweltbelastend dieses System ist. Vor etwa zehn Jahren habe ich mich selbstständig gemacht und Studio Eva gegründet. Dabei habe ich mir die Frage gestellt: Wie lassen sich Textilien entwickeln, die den Status quo infrage stellen? Ich habe unsere Arbeitsweisen, Entwicklungsprozesse und Technologien neu gedacht – mit einem besonderen Fokus auf Strick, insbesondere auf nahtlose und zirkuläre Stricktechnologien.
«Die CLIMATEX-Stricktechnologie ist besonders spannend, weil sie Designer:innen unbegrenzte Innovationsmöglichkeiten bietet und gleichzeitig Recycling und Wiederverwendung ermöglicht. Diese Kombination aus kreativer Freiheit, Funktionalität und Kreislauffähigkeit ist einzigartig.»
Eva de Laat
Gründerin von Studio Eva & Materialliance
Erzählst du uns mehr über Studio Eva, den Fokus und die Projekte?
Das Studio ist auf langlebige und menschzentrierte Strickdesigns spezialisiert. Denn die die Welt braucht nicht mehr Design, sondern besseres Design. Wir denken gestrickte Textilien neu, entwickeln sie weiter und innovieren gezielt – mit einem klaren Fokus auf nahtlose und zirkuläre Stricktechnologien. Dadurch können wir nahezu Masche für Masche gestalten und Produkte mit höherem Mehrwert und längerer Lebensdauer schaffen. So entstehen ganzheitliche Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Zu unseren Kunden zählen globale Sportmarken ebenso wie eine wachsende Zahl von Unternehmen aus den Bereichen Automobil, Interior Design sowie Gesundheit und Wellness. Wir unterstützen die Firmen dabei, Materialien und Strategien grundlegend neu zu denken.
Da kleinen und mittelständischen Unternehmen häufig Finanzierung, Fachwissen oder der Zugang zu Technologien fehlen, habe ich zusätzlich Materialliance gegründet. Diese Wissensplattform stellt Garn-, Maschen- und Maschinendaten bereit, um Marken bei der skalierbaren Innovation zu unterstützen, Kosten zu senken und gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Auf diese Weise trägt Materialliance dazu bei, die gesamte Branche in Richtung Nachhaltigkeit voranzubringen.
Entwicklung direkt an der Maschine: für Eva de Laat für textile Innovation essentiell.
Aus europäischer Sicht wird China mehrheitlich vor allem mit (Ultra-)Fast-Fashion in Verbindung gebracht. Gleichzeitig entstehen dort auch zahlreiche nachhaltige Lösungen. Was ist deine Erfahrung?
China ist – und bleibt – von zentraler Bedeutung. Die Offenheit für neue Lösungen ist gross. Gleichzeitig ist es entscheidend, die Verbindungen zwischen Europa und Asien aktiv zu pflegen. Auch wenn mein langfristiger Wunsch darin besteht, stärker in Europa zu expandieren, habe ich kürzlich ein zweites Studio in China eröffnet – in einer Region, in der viele Shein-Aktivitäten angesiedelt sind. Das erlaubt mir, die Situation aus nächster Nähe zu beobachten, denn sie ist komplex und widersprüchlich. Die dort produzierten enormen Mengen extrem günstiger Ultra-Fast-Fashion-Produkte sind schädlich – für die Umwelt wie für die Menschen. Kunststoffbasierte Materialien werden zunehmend zur Norm, während natürliche Garne verdrängt werden. Gleichzeitig ist für viele Anwendungen eine Kombination aus synthetischen und natürlichen Fasern notwendig, etwa für Performance, Schutz oder Langlebigkeit.
Allein auf Naturfasern zu setzen, reicht oft nicht aus. In unserem Studio haben wir mit Monomaterialien und vollständig natürlichen Produkten experimentiert. Theoretisch mögen diese Lösungen nachhaltiger erscheinen, in der Praxis sind sie jedoch nicht zwangsläufig die bessere Wahl – weder für die Träger:innen noch über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts hinweg. Genau darin liegt sowohl die Schönheit als auch die Herausforderung der Materialentwicklung, doch in der Branche fehlt nach wie vor ein tiefgehendes Verständnis für die komplexen Wechselwirkungen und langfristigen Konsequenzen.
„In jüngster Zeit haben Unternehmen wie Shein & Co. ein 20 Jahre altes Ökosystem transformiert – hin zu einem System, das auf Daten, Agilität und ‘produziere nur, was gebraucht wird’ setzt. Europa und seine traditionellen Produktionsmechanismen könnten daraus lernen.“
Welche zentralen Wissensdefizite bremsen aus deiner Sicht echte Innovation in der Textilindustrie aus?
Das ist eine sehr gute Frage – und genau der Grund, warum ich neben meinem Studio auch die Plattform Materialliance gegründet habe. Die grössten Wissenslücken liegen am Anfang der Lieferkette, wo etwa 80 Prozent der Umweltbelastung bestimmt werden. Kommunikation und Sprache sind hier zentrale Probleme, denn das, was Designer:innen und Marken in Auftrag geben, unterscheidet sich oft stark davon, was Hersteller verstehen. Zudem gibt es eine Lücke zwischen Design- und Technikexpert:innen. Daten existieren zwar, sind aber fragmentiert und schwer zugänglich. Designer:innen sind kreativ, verstehen aber oft nicht vollständig, wie sich ihre Entscheidungen in der Produktion auswirken – Aus- und Weiterbildung ist also ebenso wichtig.
Das aktuelle System stärkt die Stellung von Marken, obwohl die Hersteller:innen das eigentliche Fachwissen besitzen. Das schafft ein Ungleichgewicht. Die Herausforderung besteht darin, dieses Wissen zugänglich zu machen und gleichzeitig Raum für Kreativität zu lassen. In jüngster Zeit haben Unternehmen wie Shein & Co. ein 20 Jahre altes Ökosystem transformiert – hin zu einem System, das auf Daten, Agilität und «produziere nur, was gebraucht wird» setzt. Europa und seine traditionellen Produktionsmechanismen könnten daraus lernen. Gleichzeitig ist das Grosse ganze komplex, und das Gesamtbild vollständig zu verstehen, bleibt eine Herausforderung.
Marken und Hersteller agieren häufig in ganz unterschiedlichen Sphären. Denkst du, dass das zu den Problemen beiträgt?
Absolut. Es überrascht mich immer wieder, wie schlecht diese Systeme aufeinander abgestimmt sind. Sowohl grosse als auch kleine Marken tun sich schwer, die richtigen Lieferanten zu finden – und selbst wenn sie sie finden, sind die Abläufe oft nicht agil genug. Unternehmen wünschen sich Loyalität und langfristige Partnerschaften, was verständlich ist, aber genau das macht das System unflexibel. Das erklärt auch die ständigen Produktionsverlagerungen. Ein verlässliches System existiert einfach nicht. Wir brauchen eine Kombination aus europäischen und asiatischen Kompetenzen. Momentan herrscht oft ein entweder-oder, und das führt zu grossen Disruptionen.
Hier entsteht der Strick von morgen: Vom Empfang für die Kundschaft über Bürofläche bis zur professionellen Rundstrickmaschine – das ist Studio Eva.
Wo befindet sich die Branche heute in Sachen Kreislaufwirtschaft, und welche zentralen Herausforderungen gilt es zu meistern?
Leider sind die Fortschritte bisher begrenzt. Politischer und wirtschaftlicher Druck hat den Fokus wieder auf Preis, Lieferzeiten und nicht nachhaltige Fasern verschoben. Zwar wird viel über Kreislaufwirtschaft gesprochen, aber sie ist noch nicht Teil der täglichen Entscheidungsprozesse. Echte Kreislaufwirtschaft erfordert einen grundlegenden Wandel in der Denkweise und eine andere Organisation der Lieferkette. Sie beginnt bereits bei dem, was wir überhaupt in das System einspeisen: Wie wir Materialien beschaffen, herstellen und designen – mit Blick auf Kreislauffähigkeit, Zweitnutzung und Wiederverwertung von Anfang an. Hier setzt Materialliance an: Um diese Reibungspunkte anzugehen, die Lieferkette als vernetztes Ökosystem neu zu denken und Lösungen von unten nach oben aufzubauen. So wollen wir die Branche gemeinsam stärken und sinnvolle, zweckgerichtete Materialsysteme entwickeln, die auf ihre dringendsten Herausforderungen reagieren.
Hat sich der Fokus auf Kreislaufwirtschaft zugunsten anderer, scheinbar dringenderer Themen verschoben? Glaubst du, dass EU-Vorgaben wie der Green Deal oder ERP hier Einfluss haben werden?
Ja, zum Teil. Die Vorschriften schaffen zwar Bewusstsein, aber selbst in der Branche verstehen die meisten nur Teile davon. Sie sind komplex und werden oft nur schrittweise umgesetzt – über einzelne Projekte, statt durch ein vollständiges Verständnis. In Europa dienen die Regelungen eher als Orientierung, während in China kommerzielle Anreize häufig die Entscheidungen bestimmen.
Auf welche Weise integrierst du Kreislaufwirtschaft in deine Designprozesse?
Design ist der Schlüssel. Jede Entscheidung treffen wir mit Blick auf die Nutzer:innen, die Umwelt und das System. Zunächst verschaffen wir uns durch Interviews, Recherchen und sensorische Analysen ein tiefes Verständnis für die Marke und ihre Kundschaft. So stellen wir sicher, dass alle Beteiligten auf der gleichen Linie sind und eine gemeinsame Sprache sprechen, um Missverständnisse zu vermeiden. Wir verfolgen dabei zwei Ansätze: Einerseits setzen wir auf datenbasiertes Design, bei dem wir Maschenbibliotheken erstellen, die Garneigenschaften, Maschineneinstellungen und Maschentypen enthalten. Der zweite Ansatz ist die direkte Konstruktion: Hier designen wir das Produkt zunächst und prüfen es anschliessend durch Tragetests und Laboranalysen.
Design bedeutet für uns nicht nur Ästhetik, sondern auch Komfort, Funktionalität und Nachhaltigkeit. Auch die Garnbeschaffung ist entscheidend. Anfangs haben wir auf Monomaterialien oder recycelte Fasern gesetzt, doch wir haben erkannt, dass diese nicht zwingend die beste Wahl für die Träger:innen oder den Lebenszyklus des Produkts sind. Unser Ziel ist es, den Wert für die Nutzer:innen zu maximieren und gleichzeitig die Umweltauswirkungen am Ende des Produktlebens zu berücksichtigen.
Was muss sich ändern, damit Zirkularität zum Industriestandard wird?
Das Problem ist, dass der „Pain Point“ noch nicht klar genug ist. Weder Konsument:innen noch Marken verstehen vollständig die Vorteile von Rücknahme- oder Wiederverwendungssystemen. Viele Initiativen werden nur dann verfolgt, wenn ein kommerzieller Anreiz besteht. Doch wenn der Profit der einzige Treiber ist, wird es keinen echten Effekt geben.
Ein professionelles Life-Cycle-Management ist entscheidend. Arbeitskleidung ist deshalb ein vielversprechender Bereich, weil dort klare Nachverfolgungssysteme existieren. Bekleidungsmarken im Sportbereich beginnen, ähnliche Ansätze zu übernehmen, die als Vorbild für andere Sektoren dienen könnten. Befürworter:innen der Kreislaufwirtschaft sind deshalb auf allen Ebenen wichtig. Nur wenn Strategie und operative Umsetzung aufeinander abgestimmt sind, kann es zu wirklichen Veränderungen kommen.
„Beim Stricken hat man die Kontrolle auf Faser-, Garn- und Maschenebene – fast wie bei einem Pixelraster. So lassen sich Produkte von Grund auf gestalten, die zugleich komfortabel und nachhaltig sind.“
Wie eine zweite Haut, Masche für Masche, genauestens durchdacht – stricken lässt viel Freiheit in der Gestaltung zu.
Wie kann Stricktechnologie dazu beitragen, Textilien kreislauffähig zu produzieren?
Beim Stricken hat man die Kontrolle auf Faser-, Garn- und Maschenebene – fast wie bei einem Pixelraster. So lassen sich Produkte von Grund auf gestalten, die zugleich komfortabel und nachhaltig sind. Im Vergleich zu gewebten oder nicht-gewebten Stoffen bietet Strick deutlich mehr Gestaltungsfreiheit. Es fühlt sich wie eine zweite Haut an und kann Funktionalität, Tragekomfort und Umweltleistung verbessern.
Die CLIMATEX-Stricktechnologie ist besonders spannend, weil sie Designer:innen unbegrenzte Innovationsmöglichkeiten bietet und gleichzeitig Recycling und Wiederverwendung ermöglicht. Diese Kombination aus kreativer Freiheit, Funktionalität und Kreislauffähigkeit ist einzigartig. Potenzial sehe ich in Bereichen wie Arbeitskleidung, Sportbekleidung, Interior-Textilien und Anwendungen in der Automobilindustrie.
Zum Schluss: Was wünschst du dir für die Zukunft der Textilbranche?
Ich hoffe, dass wir zukünftig mehr sinnvolle und zweckgerichtete Materialien sehen werden. Textilien sind nicht nur wegen ihrer Funktionalität wichtig, sondern auch wegen des sensorischen Erlebnisses, das sie bieten. Ich wünsche mir Materialien, die intelligent gestaltet sind – mit Blick auf die Nutzer:innen und das gesamte Ökosystem. Wie ich zu Beginn schon gesagt habe: Wir brauchen nicht mehr Design, wir brauchen besseres Design.
evadelaat.nl / materialliance.com